Rhetorik Rhetorikseminar

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Souveränitätstraining: die Bedeutung von Selbst- und Fremdbild

Stéphane Etrillard

Der Mensch, ganz gleichgültig, wie die spezifischen Rahmenbedingungen konstituiert sind, ist grundsätzlich nicht statisch. Eigenschaften, Verhaltens- und Denkweisen des Menschen manifestieren sich über längere Zeiträume, daher lassen sich diese auch nur schwer wieder verändern. Es erfordert immer Mut, Selbsterkenntnis, Beharrlichkeit und natürlich eine innere Bereitschaft, um größere Veränderungen einzuleiten und statische Zustände aufzulösen.

von Stéphane Etrillard, Management Institute SECS  www.etrillard.com

Der auf der einen Seite vorhandene Drang zur Veränderung steht dabei im ständigen Widerstreit mit dem gleichzeitigen Hang zur Bequemlichkeit, der anstehende Veränderungen so oft determiniert. Wenn wir nicht selbst und dabei ganz bewusst in den Prozess der Persönlichkeitsentfaltung eingreifen, heißt dies immer, dass äußere Einflüsse die Oberhand gewinnen und schließlich die eigene Persönlichkeit verdecken oder sogar dominieren. – Abhilfe kann hier allein ein bewusster, langfristig angelegter Prozess der Wandlung schaffen, verbunden mit der Erkenntnis, dass sich Souveränität nicht aus dem Stegreif hervorzaubern und auch nicht erzwingen lässt: Die Entfaltung einer souveränen Persönlichkeit braucht Zeit, nicht selten viel Zeit, was auch erklärt, dass Menschen, die wahre Souveränität besitzen, zumeist bereits ein gewisses Alter erreicht haben.

Eile und alle hektischen Sofortmaßnahmen sind hier wenig hilfreich, gefragt ist vielmehr eine Entscheidung, die auf innerer Ruhe basiert, nichts überstürzen will und daher umso langfristiger wirksam bleiben kann. Doch kaum geht es um Zeit, die schließlich immer knapp bemessen ist, laufen viele Menschen in eine altbekannte Falle: Fast jeder glaubt, keine zu haben. Daraus resultiert ein verbreiteter Irrtum, nämlich dass jene Zeit, die wir für uns selber beanspruchen, an anderer Stelle fehlt. Dass dies keineswegs so ist, zeigen bspw. die oft verblüffend effektiven Erfahrungen, die viele Menschen im Berufsleben mit Seminaren zum Zeit-Management machen konnten. Hier muss zunächst einmal Zeit investiert werden, damit sich schließlich ein wesentlich effektiverer Umgang mit der eigenen Zeiteinteilung einstellen kann. Als Folge lässt sich die eigene Zeit meist viel sinnvoller nutzen, wodurch parallel etliche Stressfaktoren verschwinden, was zudem die eigene Zufriedenheit oft entscheidend erhöht.

„Die Zeit verlängert sich für alle, die sie zu nutzen verstehen.“
Leonardo da Vinci

Jeder Mensch wird letztendlich von der Zeit profitieren, die er sich für sich selbst nimmt. Denn oft ist uns nicht einmal bewusst, was uns persönlich das Wichtigste im Leben ist, welches wirklich unsere Talente, Vorlieben oder Abneigungen sind – geschweige denn, warum wir bestimmte Dinge tun, andere dagegen nicht. Eine eingehende Auseinandersetzung mit sich selbst gehört zu den grundlegenden Voraussetzungen, um souverän leben und agieren zu können. Ein Mensch, der sich selbst nicht kennt, kann keine Souveränität erreichen. Der tiefe Blick auf das eigene Dasein benötigt dabei immer angemessene Zeiträume, allein schon deshalb, weil sich ein klares Bild erst nach kontinuierlicher Betrachtung der eigenen Lebensbedingungen herauskristallisieren kann. Sich mit der eigenen Person zu beschäftigen, ist also alles andere als, wie zuweilen fälschlicherweise angenommen wird, eitle Selbstfixierung oder gar Zeitvergeudung – es ist schlichtweg notwendig, sofern das Ziel Souveränität heißt.

Bei der Selbstbetrachtung ist natürlich auch Vorsicht angezeigt, zu schnell dreht man sich im Kreis und endet doch wieder nur in der Stagnation. Sinnvoll ist das Studium des eigenen Lebens vor allem dann, wenn es frei von Selbsttäuschungsmanövern und also wirklich ehrlich ist. Schnell ist man geneigt, nur jene Aspekte zu fokussieren, von denen wir ohnehin glauben, dass hier alles im grünen Bereich liegt. Darum geht es hier nicht. Das Ziel ist ein Blick auf das Wesentliche, das sich nur zu oft hinter den profanen Äußerlichkeiten verbirgt.

Der souveräne Mensch ist sich seines eigenen Wertes bewusst, vermag es jedoch auch, sich selbst kritisch zu betrachten. Ein Istzustand kann zwar durchaus gut und für den Moment befriedigend, jedoch kaum ein erstrebenswerter Endzustand sein. Der Mensch ist also immer wieder gefordert, einer Stagnation zu entfliehen und sich für Veränderungen zu öffnen. Es ist so einfach, wie es klingt: Ohne die Bereitschaft für Veränderungen wird sich auch niemals etwas ändern. Und um Veränderungen möglich zu machen, gilt es, die individuellen Lebensumstände zu erkennen, sie regelmäßig infrage zu stellen, um schließlich selbst damit beginnen zu können, notwendige Veränderungen einzuleiten. – Mithilfe einer sehr effektiven Methode lässt sich präzise ausleuchten, an welcher Stelle Widersprüche in das eigene Leben treten.

Ein Abgleich von Selbst- und Fremdbild legt Diskrepanzen hinsichtlich der eigenen Persönlichkeit offen und zeigt, wo Veränderungen notwendig sind.

So wie wir uns eine Meinung zumindest von allen uns nahe stehenden Menschen bilden, entwickeln wir auch ein Bild von uns selbst. Allerdings ist dieses Selbstbild oft nur wenig objektiv und zuweilen etwas verschwommen. Einen ungetrübten Blick auf das eigene Dasein zu werfen, fällt vielen Menschen erheblich schwerer als eine distanzierte Bewertung der Eigenarten und Verhaltensweisen anderer Personen. – Auch wenn es unsere gesamte Existenz angeht, scheuen wir uns doch davor, Fragen von der Art zu stellen, ob wir mit unserem eigenen Leben überhaupt zufrieden sind. Und wenn wir schließlich doch einmal bereit sind, eine Begegnung mit den Facetten der eigenen Persönlichkeit zu riskieren, heißt dies noch lange nicht, dass wir bei der Beantwortung solcher Fragen uns selbst gegenüber auch wirklich ehrlich sind. So schonungslos wir mit unseren Urteilen über andere Menschen oft dabei sind, so zimperlich sind wir, wenn es um uns selbst geht. Der Weg zur Selbsterkenntnis ist zwar mit entsprechenden Vorsätzen gepflastert, nimmt jedoch schnell ein frühes Ende, wenn unbequeme Hürden auftauchen.

Manches wollen wir einfach gar nicht genau wissen, anderes lässt sich – zumindest vorübergehend – nur zu gut vom Tisch wischen; Dinge, die das eigene Leben betreffen, werden zur Lappalie degradiert, für die sich die Mühe nicht lohnt, wofür gerade mal wieder keine Zeit ist. Man gibt sich selbstzufrieden und meint, dass schon alles in Ordnung sei. Dahinter steckt letztlich die Angst und das Unbehagen, sich mit dem eigenen Selbst eingehend zu konfrontieren, was schließlich die unbewusst als bedrohlich eingestufte Folge haben könnte, dass Veränderungen erforderlich werden. Ohne es zu merken, flüchten wir uns also in eine aufgesetzte Realität, die womöglich eine verfälschte ist und auch nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmt, die von anderen wahrgenommen wird.

Der Blick auf unser Selbst

Wer es wagt, sich ein authentisches Selbstbild zusammenzusetzen, geht damit immer einen wichtigen Schritt in Richtung einer reifen und also mündigen Persönlichkeit. Obwohl sich ein stimmiges Selbstbild nur dann ergeben kann, wenn auch vor eigenen Defiziten nicht Halt gemacht wird, gibt es immer auch viel Gutes zu entdecken. Wer genau hinsieht, wird längst nicht nur auf Schwächen und Unzulänglichkeiten, sondern immer auch auf Stärken und Potenziale stoßen. Das eine ist so wichtig wie das andere, weil das individuelle Selbstbild eindeutig das Verhalten des Menschen mitbestimmt. Die eigene Wahrnehmung wird immer auch vom Selbstbild gesteuert, weil sich hier die Gesamtheit unserer Überzeugungen versammelt. Und die Beurteilung von Ereignissen und Handlungen hängt weniger von den Dingen selbst ab, sondern vielmehr davon, wie wir sie wahrnehmen – also abermals von unserem Selbstbild. Ein verschwommenes, unausgewogenes Selbstbild führt demnach dazu, dass sich uns die Realität anders darstellt, als sie tatsächlich ist. Damit werden unser Handlungsspielraum und das Vermögen eingeschränkt, selbstbestimmt in das eigene Leben einzugreifen.

Das Selbstbild ist ein Spiegel der Selbstwahrnehmung und des Selbstwertgefühls – besteht hier ein Manko, entsteht eine Diskrepanz zwischen Selbstbild und Realität.

Es geht also um eine Reflexion der eigenen Person mitsamt den prägenden Einflussfaktoren sowie um eine korrekte Einschätzung des Selbstwertes. Das Selbstbild ist weder angeboren, noch entsteht es von alleine. Es wächst aus Kontakten zu anderen Menschen, den eigenen Erfahrungen und sämtlichen relevanten Umwelteinflüssen – in Verbindung mit dem Fremdbild gibt es dem Menschen seine Identität. Der Prozess der Identitätsentwicklung ist ein kontinuierlicher, der niemals abgeschlossen ist. Allerdings hinkt das Selbstbild hierbei immer etwas hinterher: Werden neue bedeutende Lebenserfahrungen gesammelt, dauert es eine Zeit, bis das Selbstbild auf den neuesten Stand gebracht worden ist. Die Psychologie beschreibt diesen Prozess als Selbstaktualisierung. Und wer sich fortwährend selbst aktualisiert, ist in dem glücklichen Zustand, dem wahren Selbst sehr nahe zu kommen; erst hierdurch kann sich die eigene Persönlichkeit frei und mündig entwickeln. Doch bedarf es hierfür eines Klimas der Offenheit für die inneren Vorgänge. Der Mensch hat dabei jedoch gegen Widerstände zu kämpfen. Wenn eine sich selbst reflektierende Person beginnt, eine neue Facette ihres Wesens zu erahnen, lehnt sie sie häufig zuerst ab.

Hierzu Carl R. Rogers:

Erst wenn [der Mensch] einen solchen bislang verleugneten Aspekt seines Wesens in einem aufnahmebereiten Klima erlebt, ist er in der Lage, ihn als vorläufigen Teil seines Selbst zu akzeptieren.  Um ein stimmiges Selbstbild zu erhalten, benötigen wir also eine innere Offenheit, die nur daraus wachsen kann, wenn eine echte Bereitschaft zur Selbsterkenntnis vorhanden ist. Wer sich wirklich analytisch selbst beobachtet, wird dabei feststellen, dass bereits die Art der Betrachtungsweise vom Selbstbild bestimmt wird. Derjenige, der für sein Inneres ohnehin aufgeschlossen ist, hat es demnach leichter, ein stimmiges Selbstbild zu generieren, als ein anderer, der sich bislang vor dem Kern des eigenen Daseins verschlossen hat.

Ein authentisches Selbstbild ergibt sich, wenn wir uns die wesentlichen Fragen zu unserem eigenen Leben stellen (und diese ehrlich und reflektiert beantworten):

  • Wer bin ich, und was macht meine Persönlichkeit aus?
  • Was erwarte ich von meinem Leben?
  • Was kann ich, was kann ich nicht?
  • Welche Dinge sind mir wirklich wichtig?

Mit der Beantwortung dieser Fragen allein ist es nicht getan, doch ist hiermit die Richtung vorgegeben. Weil die individuellen Lebensumstände so facettenreich sind, kommen natürlich weitere Fragen hinzu. Diese sind letztlich konkretere Varianten der oben genannten Fragestellungen. Hierbei gibt es kein allgemein gültiges Schema, das stur zu befolgen ist – eben weil es um Selbsterkenntnis geht, ist jeder Mensch gefordert, die für ihn relevanten Punkte selbst zu formulieren. Immer sollten dabei die folgenden fünf Fragenkomplexe berücksichtigt werden:

1.    Charakterzüge, Eigenarten und Persönlichkeitsmerkmale

Beispielsweise:

  • Welche Dinge machen mir große Freude?
  • Was bereitet mir Unbehagen?
  • Welche Eigenschaften mag ich an mir selbst, welche nicht?
  • Wie gehe ich mit Problemen und Widerständen um?
  • Welche Lebensumstände sind besonders prägend für meine Persönlichkeit?

2.    Lebensplanung, Wünsche, Träume, Erwartungen

Beispielsweise:

  • Bin ich mit meinem Leben überhaupt zufrieden?
  • Welches sind meine Träume, Visionen, Hoffnungen und Erwartungen?
  • Was sind meine größten Befürchtungen?
  • Welche Dinge will ich unbedingt noch erreichen?
  • Was soll sich in meinem Leben unbedingt ändern?

3.    Umgang mit anderen Menschen

Beispielsweise:

  • Bin ich offen für den Kontakt mit anderen Menschen?
  • Schenkt man mir Vertrauen, kann ich anderen vertrauen?
  • Kann ich auf die Belange und Bedürfnisse anderer eingehen?
  • Bin ich aufrichtig im Umgang mit anderen Menschen?
  • Bin ich tolerant, kann ich andere Meinungen akzeptieren?

4.    Privates Verhalten, Partnerschaften

Beispielsweise:

  • Welche Bedeutung hat mein Privatleben für mich?
  • Entspricht mein Privatleben/meine Partnerschaft meinen Erwartungen?
  • Woran sind frühere Beziehungen wirklich gescheitert?
  • Bin ich bereit, auf die Bedürfnisse meines Umfeldes einzugehen?
  • Auf welche Art löse ich Konflikte und Probleme?

5.    Beruflicher Kontext

Beispielsweise:

  • Macht mir meine Arbeit/mein Beruf Freude?
  • Welches sind meine besonderen Qualifikationen?
  • Wie wichtig ist mir meine Karriere?
  • Was denke ich über die Qualität meiner Arbeit?
  • Wie ist das Verhältnis zu meinen Kollegen/Mitarbeitern?

Die hier vorgeschlagenen Fragestellungen sind nur als Anregung zu verstehen. Wer es ernst damit meint, der eigenen Persönlichkeit auf den Grund zu gehen, wird auch die individuell relevanten Fragen finden. Sowohl das Finden der richtigen Fragen als auch die Reflexion der jeweiligen Komplexe benötigt immer ausreichend Zeit und kann nicht nebenbei stattfinden, es geht schließlich um die Ermittlung der eigenen Persönlichkeitsstruktur. Daher ist es angemessen, die Fragen niederzuschreiben und auch die Antworten schriftlich festzuhalten.

Auf diese Weise erhält der Vorgang eine größere Prägnanz und höhere Genauigkeit, zudem lässt sich die Selbstreflexion so nach einiger Zeit nochmals hinsichtlich ihrer Stimmigkeit überprüfen. Das Ziel kann nur ein sehr ehrliches und tatsächlich zutreffendes Selbstbild sein. Vage gehaltene Bereiche, kaschierte oder halbherzige Antworten helfen hier nicht weiter.

Auch wenn es gelungen ist, ein authentisches und durchaus präzise erscheinendes Selbstbild zu zeichnen, bleibt dies doch nur ein Ausschnitt unseres Selbst. Der Blick auf einige Elemente der eigenen Persönlichkeit ist für uns selbst nur schwer zugänglich. Daher ist die Beachtung und Einbeziehung des Fremdbildes dringend erforderlich.

Die Einbeziehung äußerer Sichtweisen

Ein Blick von der anderen Seite ist oft aufschlussreicher, meist auch schonungsloser als der eigene. Das Leben ist schließlich nicht in sich zentriert, sondern wird in erheblichem Maße durch die Wahrnehmung der Außenwelt bestimmt. – Beispielsweise in der Parodie oder der Karikatur zeigt sich das Phänomen, dass es einem außen stehenden guten Beobachter meist sehr schnell gelingt, eine Person durch eindeutige und auffällige Merkmale zu charakterisieren. Das Besondere ist hierbei: Die parodierte Person wusste bislang oft gar nicht, dass sich die (so zutreffend persiflierten) Merkmale und Eigenarten für die Außenwelt so markant offenbaren. Und für alle in der Öffentlichkeit stehenden Personen ist die allgemeine Wahrnehmung und Akzeptanz zwangsläufig sehr wichtig. Daher gibt es immer wieder Fälle, bei denen es sich sehr gut beobachten lässt, ob sich Selbstbild und Fremdbild im Einklang befinden.

Ein gutes Beispiel gibt hier der Managementbereich. Die rein fachliche Kompetenz deutscher Top-Manager steht in den meisten Fällen völlig außer Zweifel. Dennoch lassen sich hier immer wieder Defizite im Bereich der Kommunikation beobachten. Und oft sind sich die Manager gar nicht oder nur kaum bewusst, worin konkret die Schwierigkeiten bestehen. Erst wenn Kommunikationsprobleme oder peinliche Ausrutscher über der Presse an die Öffentlichkeit gelangen, gehen die Aspiranten mit aller Gewalt daran, ihr Image nachträglich aufzupolieren. Mit energischer Verbissenheit werden dann im Schnelldurchgang Rhetorik-Programme absolviert. Nur manchmal ist das Ergebnis noch immer nicht befriedigend: Es hat sich zwar ein besseres rhetorisches Gespür ausgebildet, doch verläuft die Kommunikation noch immer gestelzt. sie wirkt sogar spürbar verkrampft und merkwürdig gezwungen. Solche Fälle zeigen sehr anschaulich, dass zwar am äußerlich sicht- bzw. hörbaren Problem gearbeitet wurde, während die eigentliche Ursache der Probleme unberücksichtigt geblieben ist. – Rhetorikkurse und Kommunikationstrainings sind immer eine sehr wertvolle Hilfe, doch können sie ihre positive Wirkung nur dann voll entfalten, wenn parallel zur rein fachlichen Schulung auch eine Selbstreflexion einsetzt. Wer durch Trainingsprogramme Defizite kaschieren will, dabei jedoch vergisst, Selbst- und Fremdbild einzubeziehen, wird weiterhin mit einem Authentizitätsmangel geschlagen sein. Das Resultat kann so nicht überzeugen. Zuweilen führt es sogar dazu, dass die ursprüngliche Probleme noch stärker hervortreten. Zwar ist ein eindeutiger Wille auszumachen, Abhilfe zu schaffen, nur ist die Wahl der Mittel zu einseitig. Ein Top-Manager, der in der Öffentlichkeit gut dastehen will, wird mit Fleiß alleine nicht viel erreichen, solange die Bereitschaft zur Selbstreflexion fehlt. Ein stimmiges Selbstbild, frei von Irrtümern bei der Selbsteinschätzung, ist eine Grundbedingung, um sich, die eigene Persönlichkeit und alle inhaltlichen Botschaften erfolgreich zu transportieren.

Jedes Fremdbild ist jedoch immer nur die subjektive Sichtweise eines anderen. Um ein vollständiges Bild des eigenen Selbst zu erhalten, benötigen wir die Fremdbilder mehrerer Personen und haben dann noch die Aufgabe, das jeweils Wesentliche herauszufiltern und mit dem Selbstbild abzugleichen. Ein Fremdbild als Ganzes zu erhalten, ist immer eine etwas heikle Aufgabe, denn: Ohne andere Menschen geht es nicht. Der Suchende muss also zunächst über seinen eigenen Schatten springen, und bereit werden, andere nach den ihn selbst betreffenden Dingen zu befragen. Hierfür eignet sich nun natürlich nicht jede x-beliebige Person.

Infrage kommen ausschließlich sorgfältig ausgewählte Menschen, die uns gut und möglichst lange kennen und die zudem drei weitere Voraussetzungen erfüllen:

  1. Es sollte ein gegenseitiges tiefes Vertrauensverhältnis bestehen.
  2. Nur solche Personen kommen in Betracht, denen wir ein differenziertes Urteil zutrauen.
  3. Immer sollte es sich um Menschen handeln, mit denen ein wirklich offenes und konzentriertes Gespräch, frei von Allgemeinplätzen, Klischees und Ausweichmanövern, möglich ist.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, können wir ohne Scheu an die Sache herangehen und ohne Umschweife danach fragen, welches Bild man sich von uns macht, wie wir wirken und welche Eigenschaften besonders auffallend sind. Gute Freunde, Partner oder nahe stehende Familienmitglieder sind zudem oft in der Lage, uns nicht nur zu berichten, was unsere ganz individuellen Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen sind, sie können uns manchmal zusätzlich sehr analytische Anhaltspunkte geben, warum sich diese oder jene Dinge derart gestalten.

Die einzelnen Fragen bei diesen Gesprächen können sich gut an den bereits zusammengetragenen Fragen zum Selbstbild orientieren, schließlich geht es um dieselbe Sache – nur diesmal aus einer anderen Perspektive betrachtet. Hierbei ist man allerdings schnell versucht, lediglich diese Fragen und Aspekte ins Visier zu nehmen, bei denen man sich selbst unsicher hinsichtlich der Einschätzung des Gegenübers ist. Dies wäre ein Fehler, denn oftmals treten die wichtigsten Erkenntnisse genau an den Stellen auf, bei denen wir meinen, das durch uns hervorgerufene Fremdbild ziemlich genau zu kennen. Doch gerade in den Bereichen, wo wir uns sehr sicher wähnen, treten häufig die größten Überraschungen auf. Und es ist immer sehr aufschlussreich, wenn wir feststellen, dass eben dies, was wir für selbstverständlich und obligatorisch halten, plötzlich gar nicht der realen Wahrnehmung anderer entspricht. Eben deshalb sollte immer auch nach solchen Dingen gefragt werden, bei denen wir uns sicher wähnen, die Antwort eigentlich schon zu kennen. – Und nicht selten ist es hierbei der Fall, dass sich auch sehr angenehme Überraschungen einstellen: Was wir uns selbst als Schwachpunkt ankreiden, was wir skeptisch und mit Argwohn wahrnehmen, wird von anderen nicht selten als Stärke oder besonders liebenswerter Aspekt betrachtet.

Neben der ausdrücklichen Befragung von mehreren Vertrauenspersonen können wir das Fremdbild weiter vervollständigen, indem wir aufmerksam auf die Reaktionen unserer Mitmenschen – sei es im beruflichen oder im privaten Kontext – achten. Wer mit wacher Wahrnehmung auf die Reaktionen des Umfeldes achtet, erhält hierbei fortwährend Hinweise darüber, wie die eigene Person von anderen eingeschätzt wird. Besonders beachtenswert sind dabei solche Momente, in denen die Menschen im Umfeld anders reagieren, als wir es eigentlich erwartet haben. Die Ursache für derartige Fehleinschätzungen liegt oft darin begründet, dass das Selbstbild nicht mit dem Fremdbild korrespondiert. Das Verhalten und die Reaktionen des Umfeldes, gerade wenn es unerwartete sind, liefern also immer Indizien für eine mögliche Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdbild.

Durch eine geschulte Wahrnehmung in Verbindung mir der gezielten Befragung lässt sich meist klar erkennen, inwieweit wir zur Selbstreflexion in der Lage sind und welches Gesamtbild sich ergibt, wenn wir das Selbstbild dem ermittelten Fremdbild gegenüber stellen. – Eine völlige und absolute Deckungsgleichheit lässt hierbei sicher niemals erreichen, ein zu großes Ungleichgewicht ist jedoch grundsätzlich eine Hürde auf dem Weg hin zu einer souveränen Persönlichkeit. Die Bilder unserer Persönlichkeit sollten einander immer weitgehend entsprechen; ist das nicht der Fall, zeigt dies unmissverständlich, dass wir uns mit unserer Persönlichkeit nicht im Einklang befinden. Wer die Erfahrung einer größeren Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdbild macht, braucht die Flinte jedoch nicht ins Korn zu werfen. Schließlich ist man bereits so weit gegangen, sich überhaupt einmal mit der Sachlage zu konfrontieren (was nur die wenigsten Menschen in Angriff nehmen). Hierdurch werden wertvolle Einsichten gewonnen, denn nun erst sind wir in der Lage, den Ursachen nachzuspüren, um dadurch Veränderungen in Gang zu setzen. Mit der Erforschung von Selbst- und Fremdbild kommt immer ein sehr persönlicher Prozess in Gang. Und eben darauf kommt es an: Sich überhaupt mit sich selbst auseinander zu setzen. Nicht das Fremdbild als solches ist entscheidend, sondern die Reflexion, die sich aus der Betrachtung des Fremdbildes ergibt; ebenso ist das entworfene Selbstbild nicht als finales Resultat zu verstehen, vielmehr geht es um die reflexive und kontinuierliche Beobachtung der eigenen Persönlichkeitsstruktur. – Dadurch können wir das eigene Selbst und die jeweiligen Lebensbedingungen hinterfragen und womöglich längst überfällige Veränderungsprozesse in Angriff nehmen. Die Ermittlung und der Abgleich von Selbst- und Fremdbild können dabei entscheidende Schritte in Richtung Selbstbestimmung sein. Und nur mit einer möglichst bewussten und umfassenden Selbstbestimmung, als eine der wichtigsten Voraussetzungen, ist Souveränität überhaupt erst denkbar.

© Stéphane Etrillard 2010 www.etrillard.com

Stéphane Etrillard zählt zu den Top-Wirtschaftstrainern und Coaches. Er gilt als führender europäischer Experte zum Thema „persönliche Souveränität”. Bei Entscheidern und Führungskräften ist er als Ratgeber und „Trainer der neuen Generation” gesucht und bekannt. Als Coach und Autor genießt er einen hervorragenden Ruf. Mit seinen offenen Seminaren im Bereich Rhetorik und Dialektik sowie Selbst-PR verhilft er seinen Teilnehmern zu mehr Souveränität in allen Lebenslagen.

Lesetipp: Prinzip Souveränität von Stéphane Etrillard


Kontakt zu Stéphane Etrillard:

Top Performance Group GmbH
Herr Stéphane Etrillard
Schloss Elbroich
Am Falder 4
D-40589 Düsseldorf
Telefon: +49 (0)211 7570740
Telefax: +49 (0)211 750053
www.etrillard.com
info@etrillard.com

Stéphane Etrillard

Seine Rhetorikseminare bietet Rhetorikcoach Stéphane Etrillard schwerpunktmäßig in Hamburg, Berlin, Leipzig, Dresden, München, Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf und Köln an. Auf Anfrage von Firmenkunden werden die Rhetoriktrainings von Rhetoriktrainer Stéphane Etrillard als Inhouse-Seminare überall angeboten in  Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen (NRW), Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Thüringen.

Aktuelle offene Seminare mit Stéphane Etrillard

Anfragen zu den Inhouse Rhetorikseminaren und Dialektikseminaren von Rhetoriktrainer Stéphane Etrillard bitte per E-Mail senden an:
info@etrillard.com

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16. Mai 2010 - Posted by | Allgemein | , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

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